„Der heilige Berg Kailash – und wo er sich in mir selbst befindet“
- Anja Kanitz

- 20. Mai
- 3 Min. Lesezeit

In letzter Zeit habe ich immer wieder über den heiligen Mount Kailash nachgedacht. Über diesen abgelegenen Berg im Westen Tibets, der sich über 6600 Meter hoch aus dem kargen Hochland erhebt und seit Jahrtausenden als einer der heiligsten Orte der Welt gilt.
Seine Form wirkt beinahe unwirklich: fast vollkommen symmetrisch, mit dunklen Felswänden und schneebedeckten Flanken, als hätte er weniger etwas Natürliches als vielmehr etwas Symbolisches an sich.
Anders als andere berühmte Berge zieht Kailash Menschen jedoch nicht an, weil sie ihn bezwingen wollen. Im Gegenteil: Obwohl seine Höhe theoretisch bestiegen werden könnte, bleibt sein Gipfel bis heute unberührt. Für Hindus ist er der Sitz des Gottes Shiva, für Buddhisten Mittelpunkt spiritueller Ordnung, für andere Religionen ein Ort göttlicher Nähe. Pilger reisen aus unterschiedlichen Ländern dorthin, nicht um den Berg zu erobern, sondern um ihn tagelang schweigend zu umrunden. Gerade dieser Verzicht auf Besitz und Eroberung scheint den Berg so besonders zu machen.
Vielleicht beschäftigen mich diese Gedanken auch deshalb so sehr, weil Tibet mich seit meiner Kindheit auf eine Weise berührt, die ich selbst nie ganz erklären konnte. Diese tiefe Verbundenheit war schon da, lange bevor ich mich näher mit der Geschichte oder Spiritualität dieses Landes beschäftigt habe. Manche Orte lösen etwas in uns aus, noch bevor wir verstehen, warum. Für mich gehört Tibet dazu. Die Weite der Landschaften, die Stille der Hochebenen, die spirituelle Atmosphäre – all das hatte für mich immer etwas, dass sich wie Erinnerung anfühlte.
Vor kurzem bekam ich dann ein Buch über Tibet geschenkt. Es war auf einem Flohmarkt gefunden worden, und die Person, die es entdeckte, dachte sofort: „Das ist etwas für Anja.“ Allein dieser Gedanke hat mich berührt. Als ich das Buch später in den Händen hielt, hatte ich das Gefühl, dass dadurch etwas Altes in mir wieder wach geworden ist. Etwas, das lange still gewesen war, aber nie wirklich verschwunden ist. Vielleicht haben genau dadurch auch meine Gedanken über Kailash wieder begonnen. Manchmal genügt ein einziges Buch, ein Bild oder ein Name, um eine innere Tür erneut zu öffnen.
Inzwischen hat dieses Buch einen schönen Platz in meinem Arbeitszimmer bekommen. Jedes Mal, wenn mein Blick darauf fällt, spüre ich wieder diese stille Verbindung zu Tibet und zu all den Gedanken, die dieser Ort in mir auslöst. Es ist erstaunlich, wie bestimmte Dinge nicht einfach nur Gegenstände bleiben, sondern zu Erinnerungen, Sehnsüchten oder inneren Symbolen werden können.
Je mehr ich über Kailash nachdachte, desto stärker entstand in mir das Gefühl, dass dieser Berg nicht nur ein geografischer Ort ist, sondern auch ein Symbol für etwas Inneres. Denn vielleicht berührt Kailash Menschen deshalb so tief, weil er etwas verkörpert, das in unserer heutigen Welt selten geworden ist: Ehrfurcht vor etwas, das sich nicht vollständig kontrollieren oder besitzen lässt. Heute scheint fast alles darauf ausgerichtet zu sein, zugänglich gemacht, analysiert und optimiert zu werden.
Der Mensch vermisst die Welt bis ins kleinste Detail und versucht sogar sich selbst ständig zu verbessern, zu erklären und zu formen. Kaum etwas darf verborgen bleiben. Doch ein Berg wie Kailash steht genau gegen diese Haltung. Er erinnert daran, dass nicht alles dafür bestimmt ist, erobert zu werden.
Dabei entstand in mir ein weiterer Gedanke: Vielleicht gibt es einen solchen Kailash nicht nur in Tibet, sondern auch im Inneren jedes Menschen. Vielleicht trägt jeder einen Ort in sich, der unantastbar bleiben sollte. Einen stillen Kern, der sich nicht vollständig erklären lässt. Einen Bereich, der mehr mit Wahrheit als mit Leistung zu tun hat.
Oft verliert man den Zugang dazu im Lärm des Alltags, zwischen Erwartungen, Selbstoptimierung und dem ständigen Bedürfnis, funktionieren zu müssen. Doch manchmal begegnet man diesem inneren Ort plötzlich wieder – in Momenten der Einsamkeit, in Krisen, in echter Stille oder in Augenblicken, in denen alle äußeren Rollen unwichtig werden.
Gerade deshalb finde ich die Tradition der Pilger so faszinierend. Sie besteigen den Berg nicht, sondern umrunden ihn. Diese Bewegung wirkt fast wie ein Symbol für den Umgang mit den tiefsten Fragen des eigenen Lebens. Nicht alles muss gelöst oder beherrscht werden. Manche Dinge kann man nur respektvoll umkreisen. Vielleicht liegt darin sogar eine tiefere Form von Erkenntnis: Nicht jede Wahrheit gehört dem Verstand allein. Manche Dinge verlieren ihren Wert, sobald man versucht, sie vollständig zu kontrollieren.
Der Berg Kailash ist für mich deshalb mehr als nur ein heiliger Ort in Tibet geworden. Er ist zu einem Bild für etwas Inneres geworden – für jene Bereiche im Menschen, die nicht Leistung, Ehrgeiz oder Selbstdarstellung gehören. Vielleicht befindet sich mein eigener Kailash genau dort, wo ich still werde. Dort, wo ich nichts mehr beweisen muss. Dort, wo nicht mehr der Wunsch zählt, alles zu beherrschen, sondern die Fähigkeit, etwas in Ehrfurcht stehen zu lassen.
Anja (Pelmo)



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