Die Wunde und das Geschenk darin
- Anja Kanitz

- 31. Mai
- 2 Min. Lesezeit

Wenn wir von Wunden sprechen, denken wir oft zuerst an die Verletzungen, die wir im Herzen tragen. Enttäuschungen, Verluste, Zurückweisungen oder Erfahrungen, die uns tief getroffen haben. Dabei kann uns unser eigener Körper etwas Wesentliches über den Umgang mit solchen Wunden lehren.
Wenn wir uns körperlich verletzen, setzt der Heilungsprozess ganz von allein ein. Der Körper versucht nicht, die Verletzung zu verdrängen oder so zu tun, als wäre nichts passiert. Er erkennt sie an und beginnt zu reparieren. Nach einiger Zeit bildet sich eine Kruste. Sie schützt das empfindliche Gewebe darunter, während neue Haut entsteht. Obwohl sie manchmal spannt, juckt oder uns stört, wissen wir instinktiv, dass es keine gute Idee ist, sie abzureißen.
Tun wir es dennoch, beginnt die Wunde oft wieder zu bluten. Der Heilungsprozess wird unterbrochen und verlängert sich. Im schlimmsten Fall kann sich die Stelle sogar entzünden. Der Körper muss erneut Energie aufbringen, um das zu reparieren, was eigentlich schon auf dem Weg der Heilung war.
Vielleicht verhält es sich mit unseren seelischen Wunden ähnlich.
Auch innere Verletzungen brauchen Zeit, Schutz und Geduld. Doch wie oft kratzen wir selbst immer wieder an ihnen? Wir gehen gedanklich dieselben Geschichten durch, machen uns Vorwürfe, suchen nach Erklärungen oder halten an vergangenen Situationen fest.
Manchmal erzählen wir uns die alte Verletzung so oft, dass sie immer wieder neu aufbricht. Nicht, weil wir das bewusst wollen, sondern weil wir hoffen, dadurch endlich Frieden zu finden.
Doch wie bei einer körperlichen Wunde kann ständiges Aufreißen verhindern, dass Heilung in Ruhe stattfinden darf. Was eigentlich heilen möchte, bleibt offen. Was sich schließen könnte, wird immer wieder berührt. Und manchmal entstehen dadurch innere Entzündungen in Form von Verbitterung, Wut oder dauerhaftem Schmerz.
Heilung bedeutet deshalb nicht, eine Wunde zu ignorieren. Genauso wenig wie wir eine körperliche Verletzung einfach übersehen würden. Heilung bedeutet vielmehr, ihr die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie braucht, und dann darauf zu vertrauen, dass der Prozess seinen Weg gehen darf.
Nicht jede Phase fühlt sich angenehm an. Die Kruste sieht nicht schön aus, und manchmal juckt sie so sehr, dass man am liebsten daran kratzen würde. Doch gerade das Aushalten ist Teil der Heilung.
Und dann geschieht etwas Erstaunliches: Eines Tages löst sich die Kruste von selbst. Ohne Gewalt, ohne Kampf. Die Haut darunter ist stärker geworden. Vielleicht bleibt eine kleine Narbe zurück, vielleicht verschwindet die Verletzung sogar fast vollständig. In jedem Fall hat der Körper seine Arbeit getan.
Auch seelische Wunden hinterlassen manchmal Narben. Sie erinnern uns an das, was wir erlebt haben. Doch eine Narbe ist keine offene Wunde mehr. Sie schmerzt nicht bei jeder Berührung. Sie erzählt vielmehr die Geschichte einer Heilung.
Vielleicht liegt genau darin das Geschenk einer Wunde. Sie erinnert uns daran, dass Heilung nicht dadurch entsteht, dass wir gegen den Schmerz kämpfen oder ihn ständig neu beleben.
Heilung entsteht, wenn wir anerkennen, was verletzt wurde, und gleichzeitig Vertrauen entwickeln, dass etwas in uns weiß, wie Heilung geht. So wie unser Körper die Fähigkeit besitzt, neue Haut entstehen zu lassen, trägt vielleicht auch unsere Seele die Weisheit in sich, aus Verletzungen zu wachsen und wieder ganz zu werden. Die Wunde ist nicht das Ende der Geschichte, möglicherweise ist sie der Beginn einer tiefen Verwandlung.



Kommentare