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Ein kleiner Exkurs in Selbstführung: Wer steuert dich? Begegnet dein Selbst der Welt – oder reagieren alte Muster für dich?

Autorenbild: Anja Kanitz
Anja Kanitz
vor 7 Tagen
5 Min. Lesezeit

Wir begegnen jeden Tag unserer Umwelt. Wir führen Gespräche, treffen Entscheidungen, reagieren auf das Verhalten anderer Menschen und bewegen uns durch Situationen, die uns herausfordern, berühren oder verunsichern. Dabei gehen wir häufig davon aus, dass wir selbst es sind, die handeln, entscheiden und reagieren.


Doch stimmt das wirklich?


Wie oft reagierst du aus deinem gegenwärtigen Selbst heraus – und wie oft übernimmt etwas in dir die Führung, das viel älter ist als die Situation, in der du dich gerade befindest?


Vielleicht ist es die Angst, abgelehnt zu werden. Vielleicht das Bedürfnis, es anderen recht zu machen, Konflikte zu vermeiden oder die Kontrolle zu behalten. Vielleicht reagierst du empfindlich auf Kritik, fühlst dich schnell angegriffen oder verspürst den Drang, dich zu erklären, zu rechtfertigen oder zurückzuziehen.

Du erlebst deine Reaktion als deine eigene. Und natürlich ist sie das. Doch die entscheidende Frage lautet: Entsteht sie aus einer bewussten Entscheidung – oder wird sie von einem inneren Muster gesteuert, das du bislang kaum hinterfragt hast?


Wenn die Vergangenheit deine Gegenwart steuert

Unser Erleben der Welt entsteht nicht allein aus dem, was im gegenwärtigen Moment tatsächlich geschieht. Es wird auch durch unsere bisherigen Erfahrungen, unsere Bindungsgeschichte, unsere Überzeugungen und die Strategien geprägt, die wir im Laufe unseres Lebens entwickelt haben.


Ein Mensch, der früh gelernt hat, dass Zuwendung an Anpassung gebunden ist, kann auch als Erwachsener noch versuchen, es allen recht zu machen. Jemand, der Unberechenbarkeit erlebt hat, entwickelt möglicherweise ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle. Wer wiederholt verletzt wurde, kann beginnen, hinter Nähe eine Gefahr zu vermuten – selbst dann, wenn der gegenwärtige Mensch gar keine Bedrohung darstellt.


Diese Reaktionen sind nicht einfach falsch oder unangemessen. Häufig hatten sie einmal eine wichtige Funktion. Sie haben dabei geholfen, mit schwierigen Umständen umzugehen, Zugehörigkeit zu sichern oder sich vor Verletzungen zu schützen.


Das Problem entsteht dort, wo eine ehemals hilfreiche Strategie unbewusst weiterwirkt, obwohl die ursprünglichen Bedingungen längst andere sind.

Dann begegnen wir nicht mehr ausschließlich dem Menschen, der uns gegenübersteht. Wir begegnen zugleich unseren Erinnerungen, unseren Erwartungen und unseren inneren Bildern. Die Gegenwart wird durch die Vergangenheit gefiltert.

Und ohne es zu bemerken, reagieren wir möglicherweise auf etwas, das gerade gar nicht geschieht.


Reagierst du – oder entscheidest du?

Stell dir vor, jemand antwortet dir nicht auf eine Nachricht.

Du könntest feststellen, dass du noch keine Antwort erhalten hast. Das wäre zunächst eine Beobachtung.


Doch vielleicht beginnt in dir unmittelbar ein innerer Prozess. Du fragst dich, ob du etwas Falsches gesagt hast. Du fühlst dich unwichtig, wirst unruhig oder ärgerlich. Vielleicht ziehst du dich zurück, schreibst eine weitere Nachricht oder beschließt, dieser Person künftig ebenfalls weniger Aufmerksamkeit zu schenken.


Was ist in diesem Moment tatsächlich geschehen?

Es gab eine ausbleibende Antwort. Alles Weitere entsteht aus der Bedeutung, die du dem Geschehen gibst, und aus dem, was es in dir auslöst.

Vielleicht ist deine Interpretation zutreffend. Vielleicht gibt es aber auch ganz andere Erklärungen.


Selbstführung beginnt nicht damit, deine Gefühle zu unterdrücken oder dir einzureden, dass alles in Ordnung sei. Sie beginnt mit der Fähigkeit, zwischen dem äußeren Ereignis, deiner inneren Reaktion und deiner anschließenden Handlung zu unterscheiden.


Du darfst verletzt sein, ohne sofort zurückzuschlagen. Du darfst Angst empfinden, ohne dich automatisch zurückzuziehen. Du darfst wütend werden, ohne deine Wut zum Maßstab deiner Entscheidung zu machen.

Zwischen dem, was in dir ausgelöst wird, und dem, was du daraus machst, kann ein bewusster Raum entstehen.

Dieser Raum ist ein wesentlicher Bestandteil von Selbstführung.


Wer hat in deinem inneren System das Steuer übernommen?

Manchmal reagieren wir aus einer Haltung heraus, die unserem heutigen Selbst kaum noch entspricht.


Ein innerer Anteil möchte gefallen. Ein anderer möchte sich schützen. Einer sucht Nähe, während ein anderer sie aus Angst vor Verletzung zurückweist. Ein Teil will gesehen werden, ein anderer fürchtet genau diese Sichtbarkeit.

Diese inneren Bewegungen können gleichzeitig vorhanden sein und miteinander in Konflikt geraten.


Aus systemischer Perspektive lohnt es sich deshalb, nicht nur zu fragen, warum wir uns auf eine bestimmte Weise verhalten. Ebenso wichtig ist die Frage, welche innere Logik hinter unserem Verhalten steht und welche Funktion es erfüllt.

Was versucht diese Reaktion zu verhindern? Welche Befürchtung liegt ihr zugrunde? Welche Erfahrung könnte sie geprägt haben? Und was würde geschehen, wenn du diesmal anders handeln würdest?


Dabei geht es nicht darum, innere Anteile zu bekämpfen oder sie loszuwerden. Es geht darum, sie wahrzunehmen, ihre Botschaft zu verstehen und ihnen nicht automatisch die Führung zu überlassen.

Du kannst deine Angst ernst nehmen, ohne ihr jede Entscheidung zu überlassen. Du kannst dein Bedürfnis nach Sicherheit anerkennen, ohne dein Leben ausschließlich danach auszurichten.

Nicht jeder Impuls muss zu einer Handlung werden. Nicht jeder Gedanke beschreibt die Wirklichkeit. Und nicht jedes vertraute Gefühl ist ein zuverlässiger Wegweiser für die Gegenwart.


Selbstführung bedeutet nicht, alles im Griff zu haben

Vielleicht verbindest du Selbstführung mit Stärke, Unabhängigkeit oder der Fähigkeit, immer souverän zu reagieren. Doch ein Mensch, der sich selbst führt, ist nicht frei von Unsicherheit, Verletzlichkeit oder inneren Konflikten.

Der Unterschied liegt vielmehr darin, wie er mit ihnen umgeht.


Selbstführung bedeutet, sich selbst wahrzunehmen, ohne sich mit jedem inneren Zustand vollständig zu identifizieren. Sie bedeutet, die eigene Geschichte anzuerkennen, ohne sie unbewusst immer wieder zur Gegenwart werden zu lassen.

Sie bedeutet auch, Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen, ohne sich für jede spontane Emotion zu verurteilen.

Denn du bist nicht dafür verantwortlich, dass jeder Gedanke, jedes Gefühl und jeder Impuls in dir auftaucht. Aber du kannst lernen, bewusster damit umzugehen und die Verantwortung für deine Handlungen zu übernehmen.


Dabei gehört auch eine unbequeme Erkenntnis dazu: Nicht jede Schwierigkeit im Kontakt mit anderen Menschen entsteht durch deine Vergangenheit. Manchmal verhält sich dein Gegenüber tatsächlich respektlos, überschreitet Grenzen oder übernimmt keine Verantwortung. Selbstführung bedeutet deshalb nicht, jedes Problem bei dir selbst zu suchen oder unangemessenes Verhalten anderer zu entschuldigen.


Sie bedeutet, genauer unterscheiden zu lernen: Was gehört zu mir? Was gehört zum anderen? Was geschieht zwischen uns? Und welche Handlung entspricht meinen Werten und meiner heutigen Realität?


Die entscheidende Frage ist nicht, ob du beeinflusst wirst

Wir alle werden beeinflusst. Durch unsere Erfahrungen, unsere Beziehungen, unsere körperlichen Zustände, unsere Lebensumstände und die Menschen, mit denen wir in Kontakt stehen. Vollständige Unabhängigkeit von diesen Einflüssen wäre weder realistisch noch notwendig.


Entscheidend ist vielmehr, ob du diese Einflüsse wahrnehmen kannst und wie viel Gestaltungsspielraum dir innerhalb dieser Bedingungen zur Verfügung steht.

Kannst du innehalten, wenn etwas in dir ausgelöst wird? Kannst du deine erste Interpretation hinterfragen? Kannst du erkennen, wann du aus Angst handelst, wann aus einem alten Bedürfnis und wann aus einer bewussten Entscheidung?

Und kannst du dir zugestehen, deine Haltung zu verändern, wenn du bemerkst, dass sie dir heute nicht mehr entspricht?


Je bewusster du deine inneren Prozesse wahrnimmst, desto größer kann dein Handlungsspielraum werden.


Eine Einladung zur Selbstreflexion

Nimm dir einen Moment Zeit und betrachte deine letzten Begegnungen mit anderen Menschen.

Wo hast du dich angepasst, obwohl du eigentlich etwas anderes wolltest? Wo hast du dich verteidigt, obwohl noch gar kein Angriff stattgefunden hatte? Wo hast du dich zurückgezogen, obwohl du dir Nähe gewünscht hast? Und wo hast du vielleicht versucht, einen anderen Menschen zu verändern, weil du deine eigene Unsicherheit nicht aushalten konntest?


Frage dich nicht nur, was du getan hast. Frage dich auch, was dich innerlich dazu bewegt hat.

Welche Angst, welches Bedürfnis oder welche alte Überzeugung könnte deine Reaktion beeinflusst haben?

Und schließlich: Wenn du dieselbe Situation heute noch einmal erleben würdest, mit deinem heutigen Wissen und deinen heutigen Möglichkeiten – würdest du wieder genauso handeln?


Du musst diese Fragen nicht sofort beantworten können. Schon die Bereitschaft, sie ehrlich zu stellen, kann etwas verändern.

Denn solange wir unsere inneren Muster nicht wahrnehmen, erleben wir ihre Auswirkungen häufig als etwas, das ausschließlich von außen kommt. Sobald wir beginnen, sie zu erkennen, entsteht die Möglichkeit, anders mit ihnen umzugehen.


Wer steuert also deine Begegnung mit der Welt?

Dein bewusstes Selbst? Deine Angst? Dein Bedürfnis nach Anerkennung? Alte Erfahrungen? Oder ein Zusammenspiel all dieser Kräfte, das du bisher kaum hinterfragt hast?


SystemicHealing – Anja Kanitz

Wenn du dich selbst und deine Beziehung zur Welt auf einer tieferen Ebene verstehen möchtest, kann systemische Prozessarbeit dich dabei unterstützen, wiederkehrende Muster sichtbar zu machen, innere Zusammenhänge zu erkennen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

 
 
 

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