Ist es Liebe?


Intensität und Liebe sind nicht dasselbe. Eine starke emotionale Reaktion sagt zunächst nur etwas darüber aus, wie stark uns eine Beziehung berührt. Sie sagt noch nicht, wodurch diese Intensität entsteht und ob die Beziehung tatsächlich das widerspiegelt, was wir unter einer liebevollen und tragfähigen Verbindung verstehen. Liebe kann sehr intensiv sein, aber auch Sehnsucht, Verlustangst, Unsicherheit, Abhängigkeit oder die Hoffnung auf Anerkennung können eine enorme emotionale Kraft entwickeln. Manchmal vermischen sich all diese Gefühle so miteinander, dass es kaum noch möglich ist, sie voneinander zu unterscheiden.
Gerade deshalb kann es sinnvoll sein, bei einer sehr intensiven Beziehung nicht nur zu fragen, wie viel man für einen Menschen empfindet, sondern genauer hinzusehen, was man eigentlich empfindet. Ist es die Freude darüber, diesen Menschen in seinem Leben zu haben? Ist es das Gefühl, mit ihm wirklich verbunden zu sein? Oder ist es vor allem die Angst, ihn zu verlieren? Geht es um die Person, wie sie tatsächlich ist, oder hängt ein großer Teil der eigenen Gefühle an der Hoffnung, dass sie sich irgendwann so verändern wird, wie man es sich wünscht? Diese Fragen sind nicht leicht zu beantworten, weil wir in Beziehungen häufig nicht nur den Menschen vor uns erleben, sondern auch unsere eigenen Erfahrungen, Erwartungen und alten Beziehungsmuster.
Besonders deutlich wird das, wenn eine Beziehung von einem ständigen Wechsel zwischen Nähe und Distanz geprägt ist. Ein Mensch ist liebevoll und zugewandt, dann zieht er sich wieder zurück. Es entsteht Unsicherheit, vielleicht sogar Angst. Man beginnt darüber nachzudenken, was passiert ist, ob man etwas falsch gemacht hat oder warum der andere sich verändert hat. Wenn anschließend wieder Nähe entsteht, ist die Erleichterung groß. Die Verbindung fühlt sich plötzlich wieder intensiv und besonders an, und genau diese Erleichterung kann sich wie ein überwältigendes Liebesgefühl anfühlen. Dabei kann ein Teil dieser Intensität auch daraus entstehen, dass zuvor Unsicherheit und Anspannung vorhanden waren. Das bedeutet nicht, dass keine Liebe im Spiel ist. Es bedeutet lediglich, dass die Stärke der Gefühle nicht automatisch beweist, dass die Beziehung selbst gesund oder passend ist.
Hier beginnt ein Bereich, in dem die systemische Perspektive interessant wird. Wir kommen nicht ohne Geschichte in unsere Beziehungen. Jeder Mensch bringt Erfahrungen darüber mit, wie Nähe, Vertrauen, Konflikt, Anerkennung und Zugehörigkeit funktionieren. Vieles davon ist uns bewusst, manches jedoch nicht. Wenn beispielsweise jemand früh gelernt hat, dass Nähe nicht selbstverständlich ist, dass man die Stimmung anderer Menschen aufmerksam beobachten muss oder dass Anerkennung davon abhängt, sich anzupassen und die Bedürfnisse anderer zu erfüllen, kann sich eine Beziehung mit ähnlichen Dynamiken später erstaunlich vertraut anfühlen. Nicht unbedingt angenehm, aber vertraut. Und Vertrautheit wird von unserem inneren System nicht automatisch als etwas Problematisches erkannt.
Genau darin liegt eine Schwierigkeit. Wir suchen nicht ausschließlich das, was uns guttut. Wir orientieren uns häufig auch an dem, was wir kennen. Ein Mensch kann uns deshalb auf eine Weise anziehen, die rational kaum nachvollziehbar ist. Wir können sogar wissen, dass uns eine bestimmte Dynamik nicht guttut, und uns trotzdem immer wieder zu ihr hingezogen fühlen. Das ist kein Zeichen dafür, dass mit uns etwas nicht stimmt. Es kann vielmehr ein Hinweis darauf sein, dass in dieser Beziehung etwas berührt wird, das weit über die aktuelle Situation hinausgeht.
Manchmal entsteht dadurch auch die Vorstellung, eine besonders schwierige Beziehung müsse besonders bedeutungsvoll sein. Je mehr wir kämpfen, je mehr wir leiden und je schwieriger es ist, loszulassen, desto größer erscheint uns die Bedeutung dieser Verbindung. Doch auch hier lohnt sich eine Unterscheidung. Eine Beziehung kann uns tief berühren, weil sie uns mit einem wichtigen Lebensthema konfrontiert. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass wir mit diesem Menschen zusammenbleiben müssen. Manchmal ist gerade eine schwierige Beziehung deshalb so prägend, weil sie uns etwas über uns selbst zeigt, das wir vorher nicht sehen konnten.
Ein weiterer Punkt wird häufig unterschätzt: Wir lieben nicht immer nur den Menschen, sondern manchmal auch das, was wir mit ihm verbinden. Wir können die Hoffnung lieben, dass es irgendwann anders wird. Wir können uns danach sehnen, von genau diesem Menschen endlich vollständig gesehen und angenommen zu werden. Wir können an der Vorstellung festhalten, dass sich all das, was bisher schwierig war, am Ende doch noch in eine erfüllende Beziehung verwandeln wird. Wenn wir diese Hoffnung loslassen müssten, würden wir nicht nur einen Menschen verlieren, sondern möglicherweise auch eine Zukunftsvorstellung, an der wir lange festgehalten haben.
Das erklärt mitunter, warum Loslassen so schwer sein kann, obwohl der Verstand längst verstanden hat, dass eine Beziehung nicht guttut. Man kann wissen, dass bestimmte Verhaltensweisen nicht akzeptabel sind, dass man sich in der Beziehung zunehmend verliert oder dass die eigenen Bedürfnisse keinen ausreichenden Raum bekommen, und trotzdem emotional festhalten. Der Verstand und die emotionale Bindung bewegen sich nicht immer im gleichen Tempo. Deshalb hilft es manchmal wenig, sich einfach zu sagen, man müsse endlich vernünftig sein oder müsse den anderen vergessen.
Interessanter ist die Frage, was einen innerlich noch an dieser Verbindung hält. Was würde man verlieren, wenn man tatsächlich losließe? Welche Hoffnung müsste man aufgeben? Welche Vorstellung von sich selbst oder vom eigenen Leben würde sich verändern? Und vielleicht auch: Was versucht man durch diese Beziehung zu bekommen, was man sich selbst bisher nur schwer geben konnte? Solche Fragen sind unangenehm, aber sie führen häufig wesentlich tiefer als die einfache Frage, warum man einen Menschen nicht loslassen kann.
Dabei möchte ich ausdrücklich nicht jede schwierige oder intensive Beziehung als toxisch bezeichnen. Auch das wäre eine Vereinfachung. Beziehungen sind komplex, Menschen machen Fehler, bringen ihre eigenen Verletzungen mit und können sich gegenseitig verletzen, ohne dass deshalb automatisch eine ungesunde Bindung vorliegt. Ebenso bedeutet eine ruhige Beziehung nicht automatisch, dass sie eine gute Beziehung ist. Entscheidend ist vielmehr, wie zwei Menschen miteinander umgehen und ob beide in der Beziehung als eigenständige Menschen bestehen bleiben können.
Eine liebevolle Beziehung darf Konflikte haben. Sie darf herausfordernd sein. Sie darf Phasen erleben, in denen man sich nicht versteht oder unterschiedliche Bedürfnisse hat. Aber es macht einen wesentlichen Unterschied, ob wir innerhalb dieser Beziehung weiterhin wir selbst sein können oder ob wir immer mehr damit beschäftigt sind, die Verbindung um jeden Preis aufrechtzuerhalten. Wenn wir ständig unsere Bedürfnisse zurückstellen, uns selbst zensieren, Angst vor der Reaktion des anderen haben, um Aufmerksamkeit kämpfen oder das Gefühl entwickeln, uns die Liebe des anderen verdienen zu müssen, lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Vielleicht ist deshalb eine der wichtigsten Fragen nicht: „Wie sehr liebe ich diesen Menschen?“, sondern: „Wie geht es mir in dieser Beziehung?“ Fühle ich mich grundsätzlich respektiert und gesehen? Kann ich meine Grenzen ausdrücken, ohne dafür bestraft oder entwertet zu werden? Kann ich anderer Meinung sein? Darf ich Bedürfnisse haben, ohne mich dafür schuldig zu fühlen? Kann ich Nähe erleben, ohne meine eigene Identität aufzugeben? Und kann ich diesen Menschen lieben, ohne mich selbst dabei immer weiter zu verlieren?
Gerade Menschen, die sehr intensive Beziehungen gewohnt sind, können eine ruhige und verlässliche Verbindung zunächst sogar als ungewohnt erleben. Wenn man lange an emotionales Auf und Ab gewöhnt war, kann Stabilität fast langweilig wirken. Es fehlt die ständige Spannung, das Warten auf eine Nachricht, die Erleichterung nach einem Streit, die Angst vor dem nächsten Rückzug und die enorme Freude, wenn wieder Nähe entsteht. Das bedeutet nicht, dass eine ruhige Beziehung automatisch die richtige ist. Es kann aber bedeuten, dass wir manchmal nicht die Liebe vermissen, sondern die emotionale Spannung, die wir bisher mit Liebe verbunden haben.
Liebe muss nicht immer leicht sein. Sie kann uns herausfordern, alte Muster sichtbar machen und uns mit Seiten von uns selbst konfrontieren, die wir lieber nicht sehen würden. Aber vielleicht lohnt es sich an dieser Stelle überhaupt, zwischen verschiedenen Ebenen von Liebe zu unterscheiden. Da ist die Liebe, die wir für einen bestimmten Menschen empfinden – eine personengebundene, zwischenmenschliche Liebe, die aus Nähe, Verbundenheit, Anziehung, gemeinsamen Erfahrungen und unserer ganz persönlichen Geschichte heraus entsteht. Und da ist eine andere Form von Liebe, die nicht davon abhängig ist, ob ein bestimmter Mensch bei uns bleibt, ob er uns erwidert oder ob eine Beziehung funktioniert. Eine Liebe, die nicht erst durch einen anderen Menschen entsteht, sondern als etwas Grundlegendes in uns erfahren werden kann.
Wenn wir diese beiden Ebenen miteinander verwechseln, kann die Vorstellung entstehen, wir würden ohne einen bestimmten Menschen auch einen Teil unserer Liebe verlieren. Vielleicht ist es aber genau umgekehrt: Je mehr wir erkennen, dass die Fähigkeit zu lieben in uns selbst verankert ist, desto freier können wir einem anderen Menschen begegnen. Dann muss Liebe nicht mehr festhalten, besitzen oder um Erwiderung kämpfen. Sie darf da sein, ohne dass wir uns selbst dafür verlieren.
@SystemicHealing - Anja Kanitz



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