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Der Fremdkörper-Effekt

Autorenbild: Anja Kanitz
Anja Kanitz
13. Juli
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 14. Juli



Stell dir folgende, ganz alltägliche Szene am Kaffeevollautomaten im Büro vor:

Sabine hat seit Tagen extremen Termindruck, fühlt sich völlig gestresst und insgeheim überfordert. Sie will sich das aber auf keinen Fall eingestehen, da sie im Team als die „perfekte, stets belastbare Macherin“ gilt. Thomas hingegen kommt gerade tiefenentspannt aus dem Wochenende, hat hervorragend geschlafen und möchte sich eigentlich nur schnell einen doppelten Espresso holen.


Als Sabine ihn sieht, schaut sie ihn mit besorgtem, fast schon mitleidigem Blick an und sagt: „Guten Morgen, Thomas. Du wirkst heute aber extrem gestresst und fahrig. Sag mal, geht es dir nicht gut? Du siehst auch so erschöpft aus, irgendwie richtig krank. Du brauchst dringend mal Urlaub, du machst uns hier alle ganz nervös.“


Thomas blinzelt völlig überrascht und irritiert: „Äh... eigentlich geht es mir super. Ich bin total entspannt.“


Doch Sabine lächelt nur wissend, schüttelt sanft den Kopf und schiebt hinterher: „Thomas, du musst dich vor mir nicht verstellen. Deine Körpersprache spricht Bände. Aber gut, wenn du meinst...“


Damit nimmt Sabine ihren Kaffee und geht erhobenen Hauptes davon. Ihr eigenes, unangenehmes Stress- und Erschöpfungsgefühl hat sie jetzt wunderbar bei Thomas geparkt – und ihr geht es schlagartig besser.


Thomas bleibt allein an der Kaffeemaschine zurück, während sein Puls plötzlich steigt. Er schaut an sich herab, nestelt an seinem Hemd herum und fragt sich, ob er wirklich so fahl im Gesicht ist, ob er vielleicht einen Infekt verschleppt, ein Burnout hat und es nur selbst noch nicht merkt. Beim anschließenden Teammeeting redet Thomas tatsächlich doppelt so schnell, verliert kurz den Faden und beweist Sabine damit im Nachhinein ungewollt: „Siehst du, ich hatte recht. Der Thomas ist völlig durch den Wind und braucht dringend eine Pause.“


Was hinter dieser Dynamik steckt


Vielleicht kommt dir diese Situation bekannt vor. Du verlässt ein eigentlich unspektakuläres Gespräch und plötzlich bleibt ein merkwürdiges, schwer greifbares Unbehagen zurück. Jemand hat dir eine Absicht oder einen Zustand unterstellt, den du nie hattest, oder war felsenfest davon überzeugt, du seist wütend, krank oder unsicher – obwohl du dich vor der Begegnung innerlich vollkommen klar, gesund und ruhig gefühlt hast. Es fühlt sich an, als hätte jemand ungefragt etwas in dir abgelegt, das gar nicht zu dir gehört.  


Genau dieses Erleben benenne ich als den sogenannten Fremdkörper-Effekt. Er macht die spürbare Lücke sichtbar zwischen dem, was ein anderer Mensch in uns hineinprojiziert, und dem, was wir selbst tatsächlich empfinden.  

Dieser Effekt entsteht meist nicht aus böser Absicht, sondern durch einen unbewussten Schutzmechanismus der Psyche, den man in der Psychologie als Projektion bezeichnet. Unsere innere Welt besteht schließlich nicht nur aus den Eigenschaften, die wir an uns mögen. Jeder Mensch trägt auch Anteile in sich, die schwer auszuhalten sind – wie Überforderung, Erschöpfung, Wut, Neid oder nackte Unsicherheit. Passt ein solcher Anteil absolut nicht zum eigenen, idealisierten Selbstbild, wehrt sich die Psyche gegen den Schmerz. Anstatt den Makel oder die Schwäche bei sich selbst wahrzunehmen, verschiebt man sie unbewusst auf das Gegenüber. Die eigene Erschöpfung wird plötzlich beim anderen entdeckt, und die eigene Aggression wirkt so, als ginge sie vom Gegenüber aus. Für denjenigen, der projiziert, fühlt sich das absolut real an, während es sich für dich als Empfänger wie ein emotionaler Fremdkörper anfühlt.  


Die Gefahr der Rollenübernahme


Besonders tückisch wird diese Dynamik, wenn wir den Fremdkörper nicht nur spüren, sondern unbewusst beginnen, ihn in uns aufzunehmen, der sogenannten projektiven Identifizierung. Wir fangen an uns rechtzufertigen, entwickeln ein schlechtes Gewissen oder verhalten uns am Ende genau so fahrig, kränkelnd und unsicher, wie es uns zugeschrieben wurde – genau wie Thomas in unserem Beispiel. Wir übernehmen damit die Verantwortung für Gefühle und Zustände, die ursprünglich gar nicht unsere waren.  


Natürlich bedeutet dieses unangenehme Gefühl nicht automatisch, dass dein Gegenüber sich immer irrt, denn manchmal haben andere tatsächlich einen besseren Blick auf unsere blinden Flecken. Um hier klar zu unterscheiden, hilft es, kurz innezuhalten und die Situation ehrlich zu hinterfragen. Passt diese Rückmeldung wirklich zu deinem ehrlichen, inneren Erleben vor dem Gespräch, oder fühlt sie sich fremd an? Bekommst du ähnliche Rückmeldungen auch von anderen, unabhängigen Menschen in deinem Leben, oder tritt dieses Phänomen auffallend häufig nur in der Interaktion mit dieser einen, bestimmten Person auf?  


Das Erste-Hilfe-Kit: Drei Sätze für den Ernstfall


Wenn du das nächste Mal merkst, dass dir an der Kaffeemaschine oder im Meeting ein emotionaler Fremdkörper untergejubelt werden soll, hilft es, nicht in die Rechtfertigung zu gehen. Verwende stattdessen einen dieser drei deeskalierenden Kontersätze, um den Ball elegant zurückzuspielen:


  • Der Spiegel-Satz: „Interessant, dass du das sagst. Wie kommst du gerade darauf?“ Das zwingt dein Gegenüber, die eigene Projektion sachlich zu erklären – oft entlarvt sich die Dynamik dabei schon von selbst.

  • Der diplomatische Raumteiler: „Spannende Beobachtung. Ich lasse das einfach mal so im Raum stehen.“ Damit signalisierst du freundlich, aber bestimmt, dass du die Diskussion gar nicht erst eröffnest.

  • Die freundliche Grenze: „Danke für deine Sorge, aber mir geht es wunderbar. Wenn ich mal Unterstützung brauche, melde ich mich direkt bei dir.“ Damit nimmst du einer ungefragten Schein-Sorge sofort den Wind aus den Segeln.


Alternativ reicht auch der klassische, ruhige Allrounder: „Ich verstehe, dass du das so wahrnimmst. Für mich fühlt es sich im Moment allerdings anders an.“ Damit weist du dein Gegenüber nicht aggressiv zurück, aber du ziehst eine klare, gesunde Grenze. Beide Sichtweisen dürfen nebeneinander existieren, aber der Stress und die Erschöpfung des anderen bleiben genau dort, wo sie hingehören: in seinem eigenen Rucksack.  


Je besser wir unsere eigenen Grenzen und Gefühle kennen, desto leichter fällt es uns, emotionale Fremdkörper rechtzeitig zu erkennen und am Ende genau das zu tun, wofür wir eigentlich hingegangen sind: einfach nur entspannt unseren Kaffee zu genießen.


@Systemichealing - Anja Kanitz

 
 
 

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