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Die große Suche nach dem Sinn des Lebens (oder: Wie Höhlen-Horst aus Versehen ein Burnout entwickelte)

Autorenbild: Anja Kanitz
Anja Kanitz
1. Aug.
5 Min. Lesezeit

Manchmal frage ich mich, was passieren würde, wenn man einen Steinzeitmenschen für einen einzigen Tag in unsere Welt setzen würde. Stellen wir uns Höhlen-Horst vor (möge kein Horst der Welt sich hier gekränkt fühlen, es ist rein fiktiv und mit Humor zu nehmen). Einen ganz normalen Höhlenmenschen. Höhlen-Horst kennt Mammuts, eisige Winter und die unangenehme Erfahrung, dass die Natur sich herzlich wenig für seine Befindlichkeiten interessiert. Er kennt Hunger, Regen und die reale Gefahr, von etwas gefressen zu werden, das deutlich größere Zähne besitzt als er selbst. Was Horsi nicht kennt, sind LinkedIn-Profile, ritualisierte Morgenroutinen, Selbstoptimierungs-Podcasts, Karriere-Coachings, digitale Erreichbarkeit rund um die Uhr und die absurde Vorstellung, dass ein Mensch gleichzeitig erfolgreich, erfüllt, attraktiv, gesund, kreativ, finanziell unabhängig, emotional ausgeglichen und spirituell erleuchtet sein sollte. Ich glaube, Höhlen-Horst würde nach wenigen Stunden schnaubend zurück in seine Höhle laufen.


Das Leben war ganz sicher nicht einfacher früher. Ein Mammut diskutiert schließlich nicht über Achtsamkeit, bevor es einen zertrampelt. Doch die Probleme unserer Vorfahren hatten einen entscheidenden Vorteil: Sie waren sichtbar. Gefahr hatte Fell. Gefahr hatte Klauen oder Keulen-Klaus war emotional wieder im Ungleichgewicht. Gefahr stand direkt vor einem und machte unmissverständlich klar, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen war, um entweder zu rennen oder zu kämpfen oder im Falle von Horsi und Klausi: sich zusammen ans Feuer setzen, um ihr Mindset zu optimieren.


Unsere Gefahren sehen heute anders aus. Sie wohnen in Kalendern, To-do-Listen und ungelesenen E-Mails. Sie verstecken sich in abstrakten Zukunftssorgen, finanziellen Verpflichtungen und dem permanenten Gefühl, dass man eigentlich schon viel weiter sein müsste. Sie lauern in den inszenierten Erfolgsgeschichten anderer Menschen auf dem Smartphone und in der leisen, bohrenden Angst, die eigenen Potenziale nicht vollständig auszuschöpfen.


Das Paradoxe daran ist, dass unser Körper bis heute nicht verstanden hat, dass sich die Welt verändert hat. Das Nervensystem, mit dem unsere Vorfahren durch die Wallapampa liefen, begleitet uns noch immer durch das Großraumbüro. Es reagiert auf mentalen Druck mit denselben uralten biologischen Mechanismen: Das Herz schlägt schneller, die Muskeln spannen sich an, die Aufmerksamkeit verengt sich auf den vermeintlichen Feind. Der Organismus schaltet in den nackten Überlebensmodus. Vor zehntausenden Jahren war das ein brillantes System. Es sicherte das Überleben – und zwar genau so lange, bis das Mammut im Dickicht verschwunden war oder der Säbelzahntiger beschlossen hatte, sich jemand anderen zum Abendessen zu suchen. Danach flachte die Kurve ab, der Körper regenerierte.


Heute verschwindet das Mammut allerdings nie. Kaum ist eine Aufgabe erledigt, wartet das nächste Projekt. Nach der Arbeit folgt die private Selbstorganisation. Nach der privaten Organisation kommen die großen Zukunftspläne. Und wenn zufällig einmal ein absolut ruhiger Moment entsteht, reicht ein einziger Blick aufs Display, um sich innerhalb von Sekunden mit einer digitalen Welt zu vergleichen, die scheinbar erfolgreicher, fitter und glücklicher lebt als man selbst.


Unser Nervensystem befindet sich dadurch in einer Dauerschleife. Obwohl wir objektiv sicherer leben als jede Generation vor uns, verbringen wir innerlich erstaunlich viel Zeit im Alarmzustand. Wir tragen keinen Speer mehr durch die Landschaft, aber unser Körper verhält sich exakt so, als würde hinter jedem Busch eine existenzielle Bedrohung lauern.


Vielleicht erklärt genau das, warum die Suche nach dem Sinn des Lebens für viele von uns so anstrengend geworden ist. Die Frage nach dem eigenen Weg ist eigentlich eine zutiefst menschliche, schöne und kreative Frage. Doch wir stellen sie häufig mit einem Nervensystem, das bereits völlig überlastet ist. Aus gesunder Neugier wird existenzieller Druck. Aus Orientierungslosigkeit wird ein persönliches Versagen. Aus einem Impuls wird eine verkrampfte Mission. Irgendwann entsteht die paranoide Überzeugung, dass irgendwo da draußen diese eine, perfekte Antwort existieren muss: der perfekte Beruf, die ultimative Aufgabe, die finale Bestimmung. Und solange dieses Puzzleteil nicht gefunden ist, deklarieren wir unser aktuelles Leben als unvollständig.


Dieses Bild erinnert mich immer an jemanden, der in einem stockfinsteren Raum verzweifelt eine schwarze Katze sucht. Je wichtiger diese Katze genommen wird, desto hektischer und panischer wird die Suche. Man tastet blind die Wände ab, stößt sich die Schienbeine an den Möbeln, dreht sich im Kreis und wird mit jedem erfolglosen Versuch frustrierter. Nach einer Weile richtet sich die Wut nicht mehr gegen die Dunkelheit, sondern gegen einen selbst. Alle anderen scheinen ihre Katze schließlich längst gefunden zu haben. Alle anderen wirken entschlossen, zufrieden und angekommen. Also sucht man noch intensiver. Noch verbissener. Noch verbissener. Dabei übersieht man das Offensichtlichste: Die Hektik selbst ist längst Teil des Problems geworden.


Wer jemals mit einer echten Katze zusammengelebt hat, weiß, dass man sie auf diese Weise niemals zu Gesicht bekommen würde. Eine Katze reagiert auf Druck und Lärm mit sofortigem Rückzug. Je mehr Panik im Raum ist, desto tiefer verkriecht sie sich unter dem Sofa. Ein erfahrener Katzenbesitzer würde das genaue Gegenteil tun. Er würde sich einfach hinsetzen. Er würde ruhig werden. Vielleicht würde er ganz entspannt mit einer Leckerli-Tüte rascheln und dem Tier ansonsten Zeit geben, weil er verstanden hat, dass sich manche Dinge im Leben schlichtweg nicht erzwingen lassen.


Echte Orientierung gehört dazu. Interessen zeigen sich selten unter Stress und Begeisterung wächst fast nie aus Druck. Die Dinge, die uns im Inneren wirklich bewegen, erscheinen meistens leise. Sie verstecken sich in Momenten der reinen Neugier, in Gesprächen, die ungeplant tief werden, in Tätigkeiten, bei denen man die Zeit vergisst, und in Themen, zu denen man immer wieder automatisch zurückkehrt, obwohl niemand im Außen dafür applaudiert.


Die größte Ironie unserer Zeit ist, dass wir verzweifelt nach Sinn suchen, während unser biologisches System eigentlich erst mal nach Sicherheit verlangt. Ein Mensch im physiologischen Überlebensmodus kann keine philosophischen Wahrheiten entdecken. Er will einfach nur das Signal, dass die Gefahr vorbei ist. Solange innerlich Alarm herrscht, wirkt jede Entscheidung wie ein existenzielles Risiko, jede Ungewissheit wie eine Bedrohung und jeder Weg unvollständig. Erst wenn im Nervensystem Ruhe einkehrt, verschiebt sich der Fokus. Dann verliert die große Frage nach dem Sinn plötzlich ihren bedrohlichen Charakter. Sie wird wieder zu dem, was sie ursprünglich war: eine Einladung zum Ausprobieren statt ein Notfall, der sofort gelöst werden muss.


Ich stelle mir vor, wie Höhlen-Horst nach einem langen Tag allein vor seinem Lagerfeuer sitzt. Die Nacht hat sich schwer über die Landschaft gelegt. Das Feuer knistert beruhigend. In der Ferne zieht ein Mammut vorbei, aber es ist weit genug weg. In der Ferne sieht er Keulen-Klaus laufen und neben ihm sitzt plötzlich die schwarze Katze, nach der wir modernen Menschen ein Leben lang jagen. Horsi betrachtet sie eine Weile schweigend. Die Katze betrachtet Horsi. Beide wirken erstaunlich gelassen.


Horsi blickt das Tier an und sagt: „Katze einfach Katze.“


Die Katze schnurrt. Horsi schaut noch einmal in die Dunkelheit, blickt dem Mammut hinterher, nimmt seinen Speer, klopft sich den Staub vom Lendenschurz und macht sich auf den Weg, seinen Aufgaben nachzugehen.


Die Quintessenz dieser Geschicht', komme in deine Mitte und es findet sich.



@SystemicHealing – Anja Kanitz




 
 
 

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