Warum wir in der Hilflosigkeit verharren und keine selbstverändernden Schritte gehen


Es ist durchaus ein faszinierendes Phänomenen der menschlichen Psyche, dass wir in Zuständen tiefempfundener Hilflosigkeit verharren können, während wir uns gleichzeitig vehement gegen die Schritte wehren, die uns daraus befreien würden.
Aus systemischer und tiefenpsychologischer Sicht ist dieses Verhalten keineswegs unlogisch oder gar ein Zeichen von Schwäche, sondern ein hochfunktionaler Schutzmechanismus. Wenn Klienten in der Beratung das Gefühl beschreiben, in einer Sackgasse festzustecken, und im selben Atemzug jeden Impuls zur Selbstveränderung abwehren, stehen wir vor dem sogenannten sekundären Krankheitsgewinn oder dem Schutzcharakter des Symptoms.
Die vertraute Ohnmacht, so lähmend sie auch sein mag, bietet ironischerweise eine emotionale Sicherheit. Sie ist das bekannte Terrain, dessen Regeln wir beherrschen. Ein neuer Weg hingegen verlangt den Abschied von alten Identitätsanteilen und konfrontiert uns mit der existenziellen Angst vor dem Unbekannten, was das System oft als die größere Bedrohung einstuft.
Um dieses Dilemma aufzulösen, müssen wir die Dynamik der gelernten Hilflosigkeit genauer betrachten und sie in den Kontext der systemischen Homöostase stellen. Ein System – sei es ein Individuum oder ein Beziehungsgefüge – strebt immer nach Stabilität. Wenn sich ein Mensch chronisch hilflos fühlt, hat sich das Umfeld oft an diese Rolle angepasst. Die Ankündigung oder der Versuch einer echten Selbstveränderung wirkt dann wie ein Erdbeben im vertrauten Gefüge. Zudem entlastet die gefühlte Hilflosigkeit von der Last der Eigenverantwortung. Wer sich einredet, ohnehin nichts tun zu können, schützt sich vor dem potenziellen Scheitern, das mit einem aktiven, neuen Schritt einhergehen könnte.
Die Vermeidung von Veränderung ist in diesem Licht kein Mangel an Willenskraft, sondern ein unbewusster Kraftakt zur Vermeidung von Enttäuschung und dem Verlust von Anerkennung oder Zuwendung, die das Umfeld der leidenden Person oft unbewusst gewährt.
Der therapeutische und coachingbezogene Wendepunkt liegt daher selten in der bloßen Präsentation von rationalen Lösungsstrategien, sondern in der Würdigung des Widerstands. Ein professioneller, tiefgehender Ansatz zwingt den Klienten nicht in die Veränderung, sondern erforscht respektvoll, welchen guten Grund es gibt, die Hilflosigkeit aufrechterhalten zu wollen.
Erst wenn verstanden wird, wovor die Starre eigentlich schützt – sei es vor dem tiefen Sicherheitsbedürfnis des inneren Kindes, vor einer unbewussten Systemloyalität gegenüber dem Leid der Ahnen, vor der Angst des Nervensystems vor dem Kontrollverlust oder vor dem Risiko einer neuen Verantwortlichkeit –, kann sich der Griff der Blockade lockern.
Neue Wege werden nicht dadurch begehbar, dass man die alte Straße verflucht, sondern indem man die Brücke zwischen all diesen bewahrenden inneren Anteilen und der Gestaltungskraft des erwachsenen Selbst neu aufbaut. Indem wir die Lähmung als einen erschöpften, aber klugen Schutzmechanismus begreifen, verwandelt sich der innere Kampf in Mitgefühl, und aus diesem veränderten inneren Klima heraus erwächst die Bereitschaft, den ersten, winzigen Schritt ins Neuland zu riskieren.
Unser innerer Wächter ist oft übermotiviert und mitunter eine echte Dramaqueen. Seine Einschätzungen beruhen ausschließlich auf vergangenen Erfahrungen, weshalb er seine Rolle kaum von selbst verlassen kann. Übrigens führt er nicht selten auch noch einen Schweinehund an der Leine mit sich herum – und der macht die Sache selten einfacher.
Die gute Nachricht: Wir müssen unseren Wächter nicht entlassen. Wir dürfen lernen, Regie zu führen.
Und was den Schweinehund betrifft? Nun, er ist zwar träge, aber durchaus erziehbar. Manchmal genügt es, ihn freundlich auf seinen Platz zu verweisen und ihm einen Kauknochen hinzulegen – einen mit einem ganz besonderen Geschmack:
Will ich wirklich so weitermachen wie bisher?
Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, meinen Blog zu lesen :)



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